Lebensverändernde Diagnosen

 

Schock – bis vor einer Sekunde war mein
Leben noch o.k. Vielleicht nicht
überschwenglich, nicht so erfüllt wie in
Filmen gerne dargestellt – aber ich war
zufrieden. Es war mein Leben.

 

 

 

Ich konnte mich darauf verlassen, dass der Bäcker an der Ecke seinen
Laden pünktlich aufmacht.

Ich konnte mich darauf verlassen, dass meine Tochter ihre Jacke wie
immer über die Stuhllehne schmiess, anstatt sie ordentlich aufzuhängen.

Ich konnte mich darauf verlassen, dass der Roman, den ich abends im Bett las, gut ausgehen würde und ich konnte mich darauf verlassen, dass der nächste Tag so ähnlich ablaufen würde wie heute.
 


Bis vor 1 Sekunde
konnte ich mich darauf verlassen.

Bis vor 1 Sekunde

war es mein Leben.

 

 

 

Der Arzt war einfühlsam, nahm sich sogar mehr Zeit als sonst, um mir schonend aber zielstrebig meine neuesten Untersuchungsergebnisse bei zu bringen.

Erst sprach er von einem Schatten, dann davon, dass dieser Schatten auf einen Tumor schließen ließe. Ob gutartig oder nicht, könne man erst nach weiteren Untersuchungen feststellen.
 
Ich fühlte mich schon jetzt fest – gestellt.

Ich schaute mir das Muster der weißen Tapete an.
Es hatte etwas Beruhigendes durch seine
Eintönigkeit.

Etwas, worauf man sich verlassen konnte, dass
es sich wiederholte.

 

 

 

Ob ich noch Fragen hätte?
Welche Fragen und noch wichtiger:
welche Antworten könnten mein Leben,
dass in einer Sekunde wie ein Kartenhaus
in sich zusammengefallen war,
wieder aufbauen,
wieder Struktur geben?


 Ich hatte keine Fragen,
wollte allein sein, raus hier.
Weg von Zahlen,
Wahrscheinlichkeiten, Prognosen und ..


ich wollte mein Leben wieder.

 

 

 

Mein Leben zog – und ich wunderte mich,
dass es wirklich so war –
wie ein Film an mir vorbei.

 

Wichtige Dinge, unwichtige Dinge,
Menschen, die mir wichtig waren und welche,
denen ich nur einmal begegnet bin
 die aber durch diese Begegnung
Teil meines bisherigen Lebens wurden.
 
Dieses Leben ändert sich jetzt, ab dieser Sekunde.
Bilder von Strahlen- und Chemotherapien,
ich sehe mich siechend in einem Krankenhausbett liegen.
 
Was würde ich darum geben,
könnte ich mein Leben zurückspulen.
Nicht nur eine Sekunde zurückspulen.
Vielleicht so weit, dass ich dieser Krankheit entrinnen kann.
Dass ihr Usprung ausgelöscht wird
und sie somit gar nicht entstehen kann.
 
Und was würde ich dafür geben,
wenn ich nur nicht diese Diagnose hätte.
Ich würde mein Leben sofort umkrempeln...
 
Ich würde ….
mir fielen so viele Dinge ein,
die ich sofort und ohne mit der Wimper zu zucken
ändern, ablegen oder anders machen würde.
Dumm, dass man für diese Erkenntnis
erst eine solche Diagnose braucht und noch dümmer,
dass diese Erkenntnis zu spät kommt.

 

 

 

Doch, was wäre,
wenn ich diese Dinge
trotzdem und gerade deswegen ändern würde:
jetzt, hier, sofort.
Zu verlieren habe ich ja nicht gerade viel ...

 

 

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